Kommischer Wikileaks Kommentar im Tagesspiegel


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Es war Sonnabend um 4 Uhr morgens in der Straßenbahn in Berlin Friedrichshain. Ich fuhr von einer Geburtstagsfeier und befand mich auf dem Weg nach Hause. Auf dem Sitz in der in der Straßenbahn fand ich meine Weglektüre. Es war der aktuelle Tagesspiegel. Nach einem kurzem Zögern, nahm ich mir das Blatt zur Hand. Damit hat das Blatt in meinen Augen den Aufstieg von der Klolektüre zur Sonnabend-Morgen Bahnlektüre geschafft?

Denn für gewöhnlich lese ich den Tagesspiegel nicht. Der Tagesspiegel ist  für mich das stützende Nichts, links oder rechts neben meiner Lieblings-Tageszeitung. Oder anders ausgedrückt, die rausgenommene Media Markt und oder Lidl Broschüre, die ich einfach hinter mich liegen lasse.

Ich war bereits einiges vom Tagesspiegel gewohnt, aber der Kommentar von Malte Lehming zu Wikileaks, bewirkte bei mir einen 10 Minuten langanhaltenden geistigen Touret-Anfall. Im Artikel „Die Entzauberung der Macht“ wird über Wikileaks und die veränderte Wahrnehmung von Macht in der Gesellschaft geschrieben. Im Vorfeld muss erwähnt werden, dass diese Ausgabe des Tagesspiegels voll von Wikileaks Artikeln war. Auf jeder Seite ein Artikel zu Wikileaks. Es fehlte nur noch ein Wikileaks Artikel im Sportteil. Die anderen Artikel waren solide und zum Teil auch gut aber dann dieser Kommentar vom realitätsresistenten Malte Lehming.

So fallen Formulierungen, wie:
„…Beruhigend aber ist, wie wenig spektakuläre Informationen das Material (das durch Wikileaks veröffentlicht wurde) enthält. Kein Verschwörung wurde aufgedeckt und kein Umsturzplan enthüllt. …“
Erwähnte ich bereits, dass der Tagesspiegel zum Tatzeitpunt fast ausschließlich aus Wikileaks Artikel bestand? Daraus würde man schließen, dass Tagesspiegel nur noch über unspektakuläre Sachen schreibt. So etwas nennt man ans eigene Bein schiffen… Und wieso beruhigend Herr Lehming?

„…bedeutet die nun dokumentierte Fülle an Banalem eine aufklärerische Korrektur.“

Es ist immer eine Ansichtssache, was einem Banal erscheint oder nicht. Die Kunst sollte aber sein, wenn man etwas banal empfindet, den Mund zu halten, wenn Menschenleben wahllos ausgelöscht werden. Und genau DASS! wurde auch durch Wikileaks aufgedeckt. Ich erinnere mich an das schockierende Militär Video, dass zeigt, wie US-Helikopter Piloten in die Menschenmenge feuern.

„…Ein Zeitalter der Transparenz, muss ein Zeitalter des Vergebens sein (Zitat von David Weinberger)…“

Mit diesem Zitat möchte Malte Lehming wohl auf das Thema der Fehlbarkeit von Macht bei einer Transparenten Gesellschaft hinaus. Was aber der gute Malte anscheinend nicht wirklich versteht, dass damit eigentlich etwas anderes gemeint ist, als ein gesellschaftlicher Habitus. Den Verzeihen heißt auch, dass man die Ursache verstanden hat. Und durch die wachsende Transparenz, wird auch vieles besser verstanden. Das schließt aber Handlungen aus minderen Beweggründen nicht mit ein. Das Malte dies nicht versteht, zeigte mir den letzte Abschnitt des Lemming Kommentars.

„Wenn mehr Privates öffentlich wird, befördert das womöglich die öffentliche Toleranz. Leider aber gibt es den Fortschritt nicht gratis. Die neue Gemeinschaft der Fehlbaren wird toleranter – und zynischer sein. Wer zu schwach zum Vergeben ist, sucht sein Heil eben oft in der Verdammung des Menschlichen. Damit zurück zu Wikileaks.“

Nachdem ich diesen letzten Abschnitt gelesen habe, war bei mir Schicht im Schacht. Sofort waren bei mir die Bilder und Stimmen aus den Videos im Kopf, die Wikileaks veröffentlichte. Dieser Artikel ist kein Pro oder Contra für Wikileaks. Es ist meine Kritik gegenüber dem Autor des Kommentars. Der Kommentar ist in meinen Augen ein gescheiterte Versuch, zwei unterschiedliche Dinge wie Transparenz bei Prominenten und Aufklärung in gedachter Verbundenheit zur und der Gesellschaft, zusammenzufügen.

Hier wird durch Herrn Lehming suggeriert, dass wir doch toleranter mit dem US-Militär, mit unseren Teletubbies in der Regierung und allen denen die Versuchen mehr Geld auf Kosten andere zu machen, sein sollten. Nur weil die neue Medien Transparenz schaffen und somit die Macht zerfällt, die Ihren theoretischen Ursprung im Unfehlbaren begründet. Aber es heißt noch lange nicht, dass wir meinungsfreie Koma-Patienten sind und alles stillschweigend hinnehmen müssen.

Unsere Einstellung und unsere Meinung haben mit den Informationen zu tun, die wir vorgesetzt bekommen. Und diese sind in der Hand, von den Leuten die die Macht besitzen. Und es ist kein neues Phänomen, dass man Macht mit der Fehlbarkeit kokettiert. Qualitätsjournalismus zeichnet sich auch aus, so etwas zu wissen und davor resistent zu sein.

Aus Verlags-Vertriebssicht hat damit Malte Lehming, dass zweite Eigentor geschossen. Schaffen nur die neuen Medien die neue Transparenz abzubilden? Da frage ich mich: „Warum sollte ich mir dann eine Zeitung wie den Tagesspiegel kaufen?“ Ich möchte Transparenz.

Warum regt mich das so auf? Hier ein Video, in dem man sieht wie US-Piloten Real Ego-Shooter im Irak spielen. Veröffentlicht durch Wikileaks. Und nun behauptet Malte, dass der Wikileaks Gründer ein frustrierter intoleranter Mensch sein soll?

Da David Weinberger von Malte Lehming zitierte wurde, sollte ich ebenfalls erwähnen, dass David Weinberger auch der geistige Vater des Wortes Infopinion ist. Ein Wort das aus den Worten Information und Opinion (Meinung) zusammengesetzt worden ist. Infopinion steht für gezielte Informationsstreuung um die Meinung des Einzelnen und der Gesellschaft zu steuern. Und wenn es mehr Maltes geben würde, würden wir bald alle Maltes Meinung haben.

Hier der ganze Kommentar.

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3 Comments

  1. Burkhardt 19. Dezember 2010

    Ich bin gerade eben zufaellig auf den Blog gekommen. Gefaellt mir bis jetzt gut.

  2. ebook news 19. Dezember 2010

    Es geht weiter, wieder verliert wikileaks eine Bankverbindung. Visa, Mastercard, Paypal und jetzt die Bank of America: Die Großbank reiht sich bei den Unternehmen ein, die Zahlungen an WikiLeaks sperren. Vielleicht liegt es daran, dass wikileaks als nächstes Ziel eine amerikanische Grossbank anvisierte. Auf der anderen Seite wird man an diesem Beispiel sehen, ob es auch auf Seiten der Banken monopolistische Strukturen gibt. Das wäre wirklich nicht gut.

  3. spaziergaenger 21. Dezember 2010

    Kleine Berichtigung: nicht WikiLeaks hat aus Putin oder irgendjemand irgendwas gemacht. WL hat die Docs nur veröffentlicht.

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